Es gibt diese Wochen, in denen der Kühlschrank ein Feind ist und du morgens liegen bleibst, weil Aufstehen alles schlimmer macht. Was gegen Übelkeit in der Schwangerschaft hilft, reicht vom Zwieback bis zum zugelassenen Medikament. Wir sortieren, was davon tatsächlich untersucht ist und wann du dir Hilfe holen solltest.
Wie viele Frauen sind von Schwangerschaftsübelkeit betroffen?
Sehr viele, du bist damit also in bester Gesellschaft. Familienplanung.de, das Portal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, nennt 80 % der Schwangeren in den ersten drei Monaten. Bei 30 % kommt Erbrechen dazu.
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen setzt vorsichtiger an und spricht von mindestens der Hälfte aller Frauen. Etwa eine von hundert erlebt eine besonders schwere Form, die Hyperemesis gravidarum, die im Krankenhaus behandelt wird.
In welcher SSW ist die Übelkeit am schlimmsten?
Bei den meisten Frauen um die neunte Schwangerschaftswoche. Die MSD Manuals beschreiben den typischen Verlauf so: Beginn etwa in der fünften Woche, Höhepunkt nach ungefähr neun Wochen, Abklingen im zweiten Trimester.
Der grobe Fahrplan:
- SSW 5 bis 6: es geht meist schleichend los
- SSW 8 bis 10: die härteste Phase, oft mit dem Höhepunkt um Woche 9
- SSW 12: bei vielen wird es spürbar besser
- SSW 16 bis 18: die meisten sind durch
Bei manchen Frauen dauert es länger, einige begleitet die Übelkeit bis zur Geburt. Das ist unfair und leider möglich.
Warum wird einem in der Schwangerschaft überhaupt schlecht?
Abschließend geklärt ist das nicht. Vermutet wird ein Zusammenspiel aus dem steigenden hCG, den Östrogenen und einem empfindlicheren Geruchssinn. Das erklärt auch, warum die Übelkeit ihren Höhepunkt genau dann erreicht, wenn der hCG-Spiegel am höchsten ist.
Was ausdrücklich nicht als Ursache gilt: Stress oder seelische Probleme. Das IQWiG hält fest, dass dafür kein Nachweis existiert. Falls dir jemand erzählt, du müsstest dich nur entspannen, darfst du das getrost überhören.
Was hilft gegen Schwangerschaftsübelkeit ohne Medikamente?
Ehrlicherweise ist die Studienlage hier dünn. Das IQWiG formuliert es so, dass es keine sicheren Erkenntnisse dazu gibt, ob bestimmte Ernährungsweisen oder Änderungen des Lebensstils die Beschwerden lindern. Was fehlt, sind gute Studien, nicht unbedingt die Wirkung.
Was Frauen trotzdem seit Generationen weitergeben und was bei mir am besten funktioniert hat:
- Vor dem Aufstehen etwas essen. Zwieback oder trockene Kekse auf dem Nachttisch, noch im Liegen gegessen. Das war für mich der größte Unterschied im ganzen Tagesablauf.
- Viele kleine Portionen statt drei großer Mahlzeiten. Ein leerer Magen macht es schlimmer, ein voller auch.
- Fettarm und mild essen. Die Uniklinik Freiburg rät, fettige, stark gewürzte, frittierte und sehr süße Speisen zu meiden.
- Auslöser aufschreiben. Bei den meisten Frauen sind es bestimmte Gerüche, Hitze oder einzelne Lebensmittel. Wer sie kennt, kann sie umgehen.
- Kalte Speisen probieren. Sie riechen weniger intensiv als warme, und der Geruch ist oft der eigentliche Auslöser.
- Trinken über den Tag verteilen, in kleinen Schlucken statt in großen Gläsern.
- Ruhe und Schlaf. Müdigkeit verstärkt die Übelkeit spürbar.
Wie gut hilft Ingwer gegen Übelkeit in der Schwangerschaft?
Besser als sein Ruf in der einen Richtung und schlechter in der anderen. Studien deuten laut IQWiG darauf hin, dass bestimmte Ingwerprodukte die Beschwerden lindern können: Ingwerkapseln und Ingwersirup mit 250 mg Ingwer pro Dosis, drei- bis viermal täglich eingenommen.
Für Ingwertee oder größere Mengen Ingwer im Essen ist die Wirkung dagegen unklar. Das heißt nicht, dass dein Tee nichts bringt, es heißt nur, dass es dafür keine Belege gibt. Für andere pflanzliche Präparate fehlen Wirksamkeitsnachweise komplett.
Wenn du Ingwer in Kapselform nehmen möchtest, sprich vorher mit deiner Hebamme oder deiner Frauenärztin, gerade wenn du blutverdünnende Medikamente nimmst.
Was bringt Akupressur am Punkt P6?
Die berühmten Bänder am Handgelenk, die eigentlich gegen Seekrankheit gedacht sind. Der Druckpunkt Perikard 6 liegt etwa zwei Fingerbreit oberhalb der Handgelenksbeugefalte zwischen den beiden Sehnen.
Die Studienlage ist widersprüchlich. Eine systematische Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass der Nutzen von Akupressur auf P6 nur wenig belegt ist. Andere Untersuchungen sprechen für eine Wirkung.
Meine Einschätzung dazu: Die Bänder kosten wenig, haben keine Nebenwirkungen und viele Frauen schwören darauf. Wenn du sie ausprobieren möchtest, spricht nichts dagegen. Erwarte nur kein Wunder.
Welche Medikamente sind in der Schwangerschaft möglich?
Mehr, als die meisten Frauen denken. Und dieser Abschnitt ist wichtig, weil viel zu viele Schwangere jahrelang durchhalten, statt zu fragen.
In Deutschland ist seit dem Jahr 2019 die Kombination aus Doxylamin und Vitamin B6 ausdrücklich zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft zugelassen, erhältlich unter den Handelsnamen Cariban und Xonvea. Studien zeigen, dass sie die Beschwerden lindern kann, und eine Metaanalyse mit über 200.000 Schwangerschaften fand keinen Zusammenhang mit angeborenen Fehlbildungen. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe empfiehlt diese Kombination als Mittel der ersten Wahl, wenn nicht medikamentöse Maßnahmen nicht ausreichen.
Vitamin B6 allein kann die Übelkeit laut IQWiG ebenfalls etwas lindern. Ob es auch dem Erbrechen vorbeugt, ist unklar.
Weitere Wirkstoffe, die eingesetzt werden, sind Dimenhydrinat, Metoclopramid, Promethazin und Ondansetron. Sie sind in Deutschland nicht ausdrücklich für diese Anwendung zugelassen, können aber ärztlich verordnet werden. Dann ist die Beratung zu Wirkung und Nebenwirkungen besonders wichtig.
Bitte nimm nichts davon auf eigene Faust, auch nichts aus dem Medikamentenschrank von früher. Diese Entscheidung gehört in die Hände deiner Frauenärztin.
Wann solltest du dir sofort Hilfe holen?
Ruf in deiner Praxis an oder sprich deine Hebamme an, wenn eines davon zutrifft:
- Du behältst über 24 Stunden kaum Flüssigkeit bei dir
- Du erbrichst mehrfach täglich
- Du nimmst ab
- Dein Urin wird dunkel und weniger
- Dir ist stark schwindelig oder du fühlst dich benommen
- Die Übelkeit setzt erst nach der neunten Woche neu ein oder wird plötzlich viel stärker
Bei einer Hyperemesis gravidarum werden im Krankenhaus Infusionen gegeben, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Das ist keine Kapitulation, sondern gute Versorgung.
Was hilft gegen das schlechte Gewissen?
Ein eigener Abschnitt, weil dieser Teil selten irgendwo steht. Viele Frauen fühlen sich schuldig, weil sie sich in einer Zeit elend fühlen, die angeblich die schönste sein soll. Dazu kommt oft der Satz, dass Übelkeit ja ein gutes Zeichen sei, was im Moment selbst kein bisschen tröstet.
Du darfst diese Wochen schrecklich finden und dich trotzdem auf dein Baby freuen. Beides passt gleichzeitig in einen Kopf. Und wenn du gerade nur noch Toast verträgst, ist das für ein paar Wochen völlig in Ordnung. Dein Baby holt sich, was es braucht.
Dein nächster Schritt
Schreib zwei Tage lang auf, wann dir übel wird und was kurz davor passiert ist. Dieses Muster hilft dir mehr als jede allgemeine Liste, weil die Auslöser bei jeder Frau anders liegen.
Wenn die Übelkeit deinen Alltag ausbremst, sprich beim nächsten Termin darüber, statt es auszusitzen. Dafür lohnt sich die Liste mit den Fragen für den Frauenarzttermin.
Und falls dir sehr früh übel ist: In der 3. SSW ist Schwangerschaftsübelkeit hormonell noch nicht möglich, dahinter steckt dann meist Progesteron.
Halte durch, bei den allermeisten wird es um die zwölfte Woche spürbar besser. 🙂
Dieser Beitrag gibt persönliche Erfahrungen und allgemeine Informationen wieder und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Was für dich passt, entscheidest du zusammen mit deiner Hebamme oder deiner Frauenärztin. Bei Beschwerden oder Zweifeln frag dort nach, auch wenn es sich nach einer Kleinigkeit anfühlt.


